Patrick Geary (Institute for Advanced Study, Princeton), La redécouverte de l’histoire des peuples sans histoire à travers la recherche génomique
Kommentar: Jacques Revel (EHESS)
Die Entdeckung der »Völker ohne Geschichte« durch genomische Forschung
Während die gegenwärtige Migrationskrise Politiker und Journalisten dazu veranlasst, Vergleiche mit den Invasionen der Barbaren am Ende des Römischen Reiches anzustellen, versuchen Wissenschaftler die eigentliche Bedeutung von Wanderungsbewegungen innerhalb und außerhalb des Römischen Reiches zwischen dem vierten und siebten Jahrhundert zu bewerten. Die Frage, zu welchem Grade sich diese Bewegungen tatsächlich ereignet haben, ist nach wie vor ein Gegenstand der Diskussion. Angesichts der fragmentarischen Natur schriftlicher Quellen und der Vieldeutigkeit archäologischer Befunde besteht unter Wissenschaftlern keine Einigkeit darüber, ob sich tatsächlich große Bevölkerungsgruppen auf den Weg gemacht haben oder lediglich kleine militärische Einheiten die regionalen politischen Strukturen unter ihre Kontrolle gebracht haben. Uneinigkeit besteht auch über die Frage, ob es sich bei denjenigen, die ins Reich eingedrungen sind, um eng zusammenhängende ethnische Gruppen gehandelt hat oder um situativ gebildete multiethnische Verbände und ob deren Eindringen sich dauerhaft auf die europäische Demographie ausgewirkt hat. In den letzten Jahren haben Genetiker damit begonnen, sowohl heutiges als auch antikes DNA-Material zu nutzen, um diese Debatten mit neuen Ergebnissen zu befruchten. Allerdings sind zu viele dieser Versuche ohne die ernsthafte Beteiligung von Historikern und Archäologen unternommen worden. In seinem Vortrag wird Patrick Geary ein internationales und interdisziplinäres Projekt unter seiner Leitung vorstellen, in dem italienische, ungarische, tschechische, deutsche, britische, österreichische und amerikanische Genetiker, Archäologen und Historiker die Bevölkerungsstrukturen und Wanderungsbewegungen zwischen Pannonien und Italien während des sechsten Jahrhunderts untersuchen. Mit neuester Technik der Hochdurchsatzsequenzierung zur Analyse von Zellkern-DNA aus Gräberfeldern beider Regionen entwickelt das Forschungsteam die Basis einer Datenbank antiker DNA und bringt die genetischen Verbindungen zwischen Individuen ans Licht, die innerhalb beider Regionen in verschiedenen, kulturell unterschiedlichen Gräberfeldern beerdigt wurden. Zudem sollen mögliche Beziehungen zwischen Norditalien und Pannonien ermittelt werden. Zugleich soll das Projekt ein Modell für wirklich gemeinschaftliche interdisziplinäre Forschung bilden.
